Samstag, 24. Dezember 2011

Architekten provozieren mit "Twin Tower"-Projekt

Für die einen ist es die traumatische Erinnerung an einen furchtbaren Terroranschlag, für die anderen aber innovatives Design: Ein niederländisches Architektenbüro plant für Seouls Geschäftsviertel Yongsan ein Luxus-Appartementgebäude, das fatal an die einstürzenden Twin Towers in New York erinnert.

Die Firma MVRDV hat zwei Türme entworfen, einer 60 Stockwerke und 300 Meter hoch, der zweite 54 Etagen und 260 Meter. Die beiden sollen in der Mitte durch eine zehn Etagen hohe, wolkenartige Konstruktion, die sogenannte „Pixel-Wolke“ verbunden sein, in der ein Schwimmbad, Fitnessstudios, Konferenzräume und mehrere elegante Aussichtsrestaurants untergebracht werden.

Bild: Korea Herald, Yonhap News
Diese Wolkenkonstruktion ähnelt jedoch frappierend der explodierenden Schuttwolke, die aus dem New Yorker World Trade Center quoll, nachdem Al-Qaida-Terroristen die beiden Passagierflugzeuge am 11. September 2001 in die Türme geflogen hatten. Aus Stein und Beton gebildet, scheint sie den Moment vor zehn Jahren einzufrieren, bevor das WTC einstürzte und fast 3000 Menschen in den Tod riss.

Die Presse in Südkorea preist das Projekt als „das heißeste neue Wohn-Hochhaus“, doch internationale Medien, Überlebende und Angehörige der Opfer laufen Sturm: „Eine unfassbare Reminiszenz an die 9/11-Attacken“, schimpft etwa die britische „Daily Mail“. Die Architekturfirma hat bereits Drohbriefe und -anrufe erhalten.

Die Designer bei MVRVD, heißt es dort unter anderem, seien Anhänger Osama Bin Ladens. Doch auf seiner Webseite schreibt MVRVD nur freundlich: „Jede Assoziation, die das Wolkenprojekt bezüglich des 11. Septembers erweckt, bedauern wir zutiefst. Es war weder unsere Absicht, ein Bildnis zu kreieren, das den Anschlägen ähnelt, noch haben wir die Ähnlichkeit während des Designprozesses erkannt. Wir entschuldigen uns in aller Form bei jedem, dessen Gefühle wir verletzt haben."

Die Stadtplaner bleiben hart. Die Bauarbeiten sollen wie geplant im Januar 2013 beginnen, die Gebäude bis 2016 fertiggestellt werden. Ein Beamter des Distriktes Yongsan – in dem sich übrigens auch die US-Garnison befindet – erklärt: „Dies ist reine Spekulation, die bestimmte Leute aufgebracht haben, und wir haben keinerlei Pläne, das Design zu ändern”. „Behauptungen, dass der Bau von den Anschlägen des 11. September inspiriert seien, entbehren jeder Grundlage”, so White Paik, der Sprecher der Yongsan Development Corp.

Jim Riches, ein pensionierter Feuerwehrmann aus New York, dessen Sohn bei den Terroranschlägen ums Leben kam, glaubt den Planern in Seoul kein Wort: „Sie haben keinen Respekt für die Menschen, die an jenem Tag gestorben sind. Sie überschreiten eine Grenze”, zitiert ihn die New Yorker Zeitung Daily News. „Es sieht einfach genauso aus wie die implodierenden Türme. Ich denke, sie versuchen es zu sensationalisieren. Es ist eine billige Art, für Publicity zu sorgen”.

Im kommenden März soll die endgültige Entscheidung über den Bauplan fallen. Ironischerweise ist es der Architekt Daniel Libeskind, der den Planungen für die Neugestaltung des Seouler Business-Distriktes vorsitzt. Von ihm stammt auch der „Masterplan” für den Wiederaufbau des World Trade Centers in New York.

Quelle: Berliner Morgenpost, 13. Dezember 2011.